Vom Wattenmeer nach Guinea-Bissau in vier Tagen

12. Oktober 2018
Fressende Pfuhlschnepfe. Foto: M. Putze / green-lens.de

von Dr. Gregor Scheiffarth

Wer im Frühjahr und Herbst große Vogeltrupps auf den Wattflächen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer beobachtet, kann kaum erahnen, welche enormen Leistungen diese Vögel auf den Wanderungen zwischen Brut- und Überwinterungsgebieten vollbringen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Vogel im Logo der Zugvogeltage: die Pfuhlschnepfe.

Eine Unterart brütet in Sibirien auf der Taimyr-Halbinsel und verbringt den Winter in West-Afrika. Einziger Zwischenstopp auf dieser Wanderung um die halbe Welt ist das Wattenmeer. Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst fliegen Pfuhlschnepfen also jeweils nonstop ca. 5.000 Kilometer zwischen diesen Gebieten! Für die Vögel heißt das: In den Rastgebieten genügend Reserven anfuttern, den Körperaufbau für den Flug optimieren, die richtige Wetterlage abpassen und dann drei bis vier Tage durchgehend fliegen.

An diese Lebensweise haben sich die Vögel im Lauf der Evolutionsgeschichte nach der letzten Eiszeit angepasst. Aber das gesamte System ist extrem „auf Kante“ genäht: Wenn die Pfuhlschnepfen um die Monatswende April/Mai bei uns im Wattenmeer nach ihrer ersten Etappe ankommen, haben sie nur drei bis vier Wochen Zeit, die Energiereserven für den Flug in die Arktis aufzunehmen. Dabei verdoppeln sie fast ihr Körpergewicht von ca. 200 Gramm auf annähernd 400 Gramm.

Der Zeitplan ist dabei extrem wichtig, denn die Pfuhlschnepfen müssen zur richtigen Zeit in den arktischen Brutgebieten ankommen. Es gilt, die Schneeschmelze abzupassen, rechtzeitig ein passendes Territorium zu besetzen und die Eier genau dann zu legen, dass die Küken das maximale Insektenangebot in der Arktis vorfinden.

Sind die Bedingungen im Wattenmeer nicht optimal, kommen die Pfuhlschnepfen entweder zu spät oder zu schwach in der Arktis an und können nicht mehr erfolgreich brüten. Das erklärt, warum Pfuhlschnepfen im Rastgebiet extrem störungsanfällig sind: Sie müssen die gesamte Zeit, in der die Wattflächen zur Verfügung stehen, der Nahrungssuche nachgehen. Und man mag es kaum glauben: Auch wenn sie weite Strecken nonstop fliegen, versuchen sie bei ihrem Aufenthalt im Wattenmeer das energiezehrende Fliegen so weit wie möglich zu vermeiden. Auch die ungestörten Ruhephasen im Nationalpark sind essentiell, ohne sie sind die Wanderungen zwischen Afrika und der Arktis überhaupt nicht möglich. Jedes Aufscheuchen bedeutet den Verlust von mühsam aufgebauten Fettreserven.

Jetzt im Herbst fliegen die Pfuhlschnepfen nach wiederum einmonatiger Rast aus dem Wattenmeer in die westafrikanischen Überwinterungsgebiete, wo sie sieben bis acht Monate verbringen. Eines der wichtigsten Überwinterungsgebiete liegt in Guinea-Bissau, dem Partnerland der 10. Zugvogeltage.

Bei dieser extremen Lebensweise kann man sich gut vorstellen, dass alle Gebiete, die die Pfuhlschnepfen im Jahresverlauf aufsuchen, überlebensnotwendig sind. Der Ausfall nur eines der Gebiete kann zum Verlust der gesamten Pfuhlschnepfen-Population auf dem Zugweg führen. Aus diesem Grund arbeiten in der Wadden Sea Flyway Initiative Partner entlang des gesamten Zugweges an dem gemeinsamen Ziel, den Vogelzug entlang des Ostatlantiks zur erhalten und so zum Schutz der weltweiten Biodiversität beizutragen.

Aus gutem Grund wurde also die Pfuhlschnepfe zum Logo-Vogel der Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, als diese 2009 aus der Taufe gehoben wurden. Nun stehen bereits die 10. Zugvogeltage vor der Tür. Vom 13. bis zum 21. Oktober besteht bei etwa 300 Veranstaltungen zwischen Emden und Cuxhaven, zwischen Borkum und Wangerooge nicht nur die Möglichkeit, Pfuhlschnepfen zu beobachten, sondern auch verschiedene Aspekte des Partnerlandes Guinea-Bissau kennen zu lernen und in die faszinierende Welt des Vogelzugs im Wattenmeer einzusteigen.

Dr. Gregor Scheiffarth arbeitet als Wattenmeer-Ökologe in der Nationalparkverwaltung und hat seine Doktorarbeit über Pfuhlschnepfen geschrieben.