7. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: persönlicher Erfahrungsbericht eines Langschläfers

23. Oktober 2015

Zugegeben, ich bin kein Frühaufsteher. Wenn ich morgens versehentlich wach werde, ziehe ich meine Bettdecke bis zur Nasenspitze und drehe mich noch einmal um. Für eine Schiffstour mit der MS „Jens Albrecht“ gleich zu Beginn der diesjährigen Zugvogeltage muss ich mich schon ordentlich aus dem Bett quälen.

Am Samstagmorgen, um 7:30 Uhr legt das Schiff der Wangerländer Seetouristik im Außenhafen von Hooksiel ab, um dem Sonnenaufgang entgegen zu fahren – hin zu den Rastplätzen der Zugvögel.

Mit an Bord sind einige Mitarbeiter des Nationalparkhauses Wangerland. Unter der Leitung von Ralf Sinning sorgen sie nicht nur für ein tolles Frühstück, sondern auch für die fachliche korrekte Ankündigung entgegenkommender Vogelschwärme: „Auf der rechten Seite kommt ein Schwarm Nonnengänse direkt auf uns zu!“, rufen sie laut über das gesamte Deck. Was? Wo? Nonnengänse? – Ach ja, da hinten! Die MS „Jens Albrecht“ ist gut gefüllt mit (Hobby-)Ornithologen, die sich allesamt mit ihren Ferngläsern dem Schwarm entgegendrehen. Sofort beginnt fachkundiges Gemurmel und Geschnatter. Aufgrund der frühen Stunde und meiner Unkenntnis beteilige ich mich wenig. Ich lausche andächtig, um meinem persönlichen Horizont zu erweitern. Ich fotografiere viel und lasse die Schwärme beim Vorbeiziehen nicht aus den Augen. Die aufgehende Sonne scheint durch die spärliche Wolkendecke und taucht den Himmel in wunderschöne Rottöne. Ein eigenartig zufriedenes Gefühl beschleicht mich, obwohl wir noch nicht allzu viele Vögel gesehen haben. Aber die Stimmung an Bord, das Wetter und die Farben der Natur sind eine Entschädigung für das frühe Aufstehen.

Entlang der Küste geht es vorbei an den Muschelbänken in Richtung Minsener Oog. Ein Wanderfalke hat sich auf der Naturschutzinsel niedergelassen. Am Horizont sieht man die ganz dicken Pötte auf dem deutschen Schifffahrtsweg vorbeiziehen. Am Leuchtturm „Mellumplate“ dreht das Schiff. Der sonst so klein wirkende Turm nimmt, aus der Nähe betrachtet, doch recht stattliche Ausmaße an. Die Naturschutzinsel Mellum hingegen wirkt recht klein. An ihren Stränden haben sich Scharen von Austernfischern niedergelassen. Aus der Entfernung sind sie allerdings nur mit dem Fernglas zu erkennen.

Mittlerweile ist es gegen Mittag. Ich gönne mir noch ein Frühstücksbrötchen und einen heißen Kaffee. Das Wetter könnte zwar nicht besser sein. Aber nach einigen Stunden an Deck sind Hände und Füße doch recht kalt geworden. Plötzlich taucht ein kleiner Singvogel rund um das Schiff auf. Werner Menke von der WAU sagt, dass es ein Wiesenpieper ist. „Ja, die überqueren auch das Meer“, bestätigt der Vogelexperte. Ein recht typischer Anblick sind hingegen die Kormorane, die auf dem Radarturm „Hooksiel Plate“ herumlungern. Eine echte Seltenheit bekommen wir auch noch ins Visier: eine Trottellumme. Der Vogel ist vorzugsweise auf Helgoland anzutreffen, wo er in den steilen Felswänden brütet.

Durch das Jadefahrwasser geht es zurück nach Hooksiel. Am Außenhafen entlässt uns die Crew. Die 16 Euro (inklusive Frühstück) waren tatsächlich gut angelegt. Ich werde ganz sicher kein Ornithologe. Aber auf der kleinen „Jens Albrecht“, mitten auf der Nordsee, in der wunderschöne Morgenröte und den vorbeiziehenden Vogelschrämen bin ich wohl auch irgendwie ein kleiner „Birdwatcher“ geworden.

Wir sehen uns im nächsten Jahr!

Katja Benke