Vorhang auf für die 6. Zugvogeltage

18. September 2014
Pressegespräch im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg

In diesen Wochen öffnet sich wieder der Vorhang zu einem der größten und faszinierendsten Naturschauspiele der Erde – direkt vor unserer Haustür: Millionen von Vögeln kehren zurück aus ihren nordischen Brutgebieten und sind wenige Wochen bei uns im Wattenmeer zu Gast, um sich für den Weiterflug in ihre südlichen Winterquartiere zu stärken. Sie haben, nach der schon Kräfte zehrenden Brut- und Aufzuchtzeit, bereits eindrucksvolle Flugleistungen hinter sich, wenn sie bei uns eintreffen. Bei Ebbe bevölkern sie in großen Scharen das Watt, für sie ein mit Würmern, Schnecken, Krebsen und anderen nahrhaften Leckereien reich gedeckter Tisch. Bei Hochwasser ruhen sie auf den Salzwiesen oder Rastplätzen hinter dem Deich. Zwischendurch beeindrucken sie mit kunstvollen Flugmanövern.

Bei den 6. Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer vom 11. bis 19. Oktober 2014 werden die vielfältigen Aspekte dieses Naturwunders, aber auch die Verwundbarkeit dieses Jahrtausende alten Naturkreislaufs, auf ebenso vielfältige Art vermittelt – von der klassischen Exkursion mit Fernglas am Deich über Schiffstouren oder Vorträge bis hin zu darstellender Kunst, Musik, Literatur wie auch einer kulinarischen Annäherung an die vielen Länder und Kulturkreise, die die Zugvögel auf ihrer langen Reise zweimal jährlich überqueren.

Gestern wurde das Programm der 6. Zugvogeltage mit Zielsetzungen, Themenschwerpunkten und neuen Angeboten bei einem Pressegespräch im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg vorgestellt. „Auf der Weltkarte ist das Wattenmeer nur ein Stecknadelkopf und doch bedeutend für den gesamten Vogelzug zwischen Arktis und Afrika“, machte Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung, deutlich. „Mit den Zugvogeltagen wollen wir die Menschen nicht nur informieren, sondern auch berühren und so für die Schutzbedürftigkeit des Wattenmeeres sensibilisieren.“

Ein Schwerpunkt ist in diesem Jahr Afrika. „Dort überwintern viele unserer Zugvögel, und gemeinsam mit den Kollegen an der afrikanischen Westküste tragen wir und viele andere Länder die Verantwortung für das Wohlergehen unserer Zugvögel auf dem Ostatlantischen Zugweg“.

Die Zugvogeltage sind, so Südbeck, inzwischen „eine eigene kleine Jahreszeit“. Dabei gehe es nicht um „events“ mit kurzfristigem Unterhaltungswert, sondern Umweltbildung und Naturtourismus auf hohem Qualitätsniveau. Das Thema Nachhaltigkeit spiele dabei eine große Rolle, z. B. bei der Verpflegung oder der Mobilität. So gibt es Exkursionsangebote mit dem Zug ab Münster oder mit dem Bus ab Oldenburg über Leer an den Dollart. Auch Fahrradexkursionen, z.T. mit eingebautem (elektrischen) Rückenwind, zeigen umweltfreundliche Alternativen zum Auto auf. 

Wie in den vergangenen Jahren werden etwa 10.000 Besucher, Touristen und Einheimische, zu über 270 Einzelveranstaltungen erwartet. Allein der „Vareler Vogelturm“, der als einer von mehreren Beobachtungspunkten extra für die Zugvogeltage installiert und durchweg fachlich betreut wird, zieht 2500 Interessierte an. Vor allem bei Exkursionen wird aber Wert auf kleine Teilnehmerzahlen gelegt, um eine optimale Betreuung und störungsfreie Beobachtungen zu gewährleisten.

Im Programm ist Bewährtes wie die Kinderaktion, diesmal zum Thema „Unsere Wattenmeer-Zugvögel im Winterquartier in Afrika“, und das Zugvogelfest (19.10. Horumersiel), aber natürlich auch Neues wie Fahrten mit einem historischen Frachtsegler auf der Unterelbe. Neu aufgelegt wird „Flügelpoesie und Schnabelprosa“, ein literarischer Streifzug durch die Vogelwelt mit der Schauspielerin Brit Bartuschka.

Mit Spannung wird nicht nur von Hobby-Ornithologen der „Aviathlon“ erwartet, der letztes Jahr für die Zugvogeltage erdacht wurde. Dabei wetteifern Inseln und Küstenregionen um die Höchstzahl der gesichteten Arten. Tagesaktuell kann man während der Zugvogeltage auf Facebook und im Internet verfolgen, welches Gebiet gerade „den Schnabel vorn“ hat. Die Sieger werden auf dem Zugvogelfest geehrt.

Jedes Jahr werden neue „Fanartikel“ zu den Zugvogeltagen entwickelt. Diesmal ist z. B. eine  Kinder-CD von der „Wattpolizei“ mit einer Zugvogel-Geschichte und Musik erhältlich.

Mit der komfortablen Suchmaske auf www.zugvogeltage.de kann sich jede/r ein individuelles Zugvogeltage-Programm nach Thema, Veranstaltungsort, Ort und Datum zusammenstellen. Wer es lieber bunt auf weiß besitzt, erhält die gedruckten einzelnen Programmhefte für die sieben Inseln und drei Küstenregionen in den Nationalpark-Häusern oder bei der Nationalparkverwaltung.

Dr. Christina Burmeister, Leiterin der Abteilung Naturkunde im Museum Natur und Mensch, freut sich über die Fortsetzung der bereits mehrjährigen Kooperation mit der Nationalparkverwaltung. In der kommenden Woche (25.9., 19:30) gibt es, im Vorfeld der eigentlichen Zugvogeltage, gleich den ersten spannenden Aufschlag in ihrem Museum: "Goodbye forever – oder wie man Milliarden verspielt…" heißt der Vortrag von Herbert Grimm, Kurator für Ornithologie im Naturkundemuseum Erfurt, über das Aussterben der nordamerikanischen Wandertaube. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war sie mit geschätzten 3-5 Milliarden Individuen eine der häufigsten Vogelarten der Welt. Beispiellose Verfolgung durch den Menschen war einer der wichtigsten Gründe für ihre Ausrottung. Vor genau 100 Jahren starb das letzte Exemplar im Zoo von Cincinnati. Damit war die Wandertaube für immer von unserem Globus verschwunden. Ihr Schicksal bietet Stoff für angeregte Diskussion zu heutigen Problemen im Zugvogelschutz. Im Anschluss gibt es bei leckeren Kostenproben aus der Wesermarsch die Möglichkeit, sich mit dem Referenten auszutauschen und über die Zugvogeltage zu informieren.