Ein Reisebericht: Die 3. Zugvogeltage auf Langeoog, 22.10. - 29.10 2011
Ein Zufallsfund in der Tageszeitung macht mich im September auf die Zugvogeltage im Wattenmeer aufmerksam. Vögel habe ich schon immer gern beobachtet und mal eine ganze Woche unter fachkundlicher Leitung auf einer Nordseeinsel, das reizt mich und so entschließe ich mich schnell und buche. Kurz vor der Reise überkommen mich doch ernsthafte Bedenken: schließlich kann bei mir von fundierten Kenntnissen über das Leben unserer gefiederten Freunde keine Rede sein und dann gleich unterwegs mit Ornithologen- hoffentlich geht das gut und ich blamiere mich nicht bis auf die Knochen. Aber gebucht ist gebucht- und wenn alle Stricke reißen, kann ich ja immer noch am Strand spazieren gehen und Vögel Vögel sein lassen.
Die Anreise steht gleich unter einem guten Stern, im wahrsten Sinne des Wortes: die Sonne scheint, als wär´s Altweibersommer, die Überfahrt lässt Ferienstimmung aufkommen und Vögel zeigen sich auch schon.
Alles läuft perfekt: am Anleger in Bensersiel Koffer aufgeben, am Fahrkartenschalter meine Unterlagen abholen- ein dicker Umschlag mit reichlich Informationsschriften, Gutscheinen und Langeoogcard- meine Ferienwohnung beziehen, Koffer in Empfang nehmen und Fahrrad abholen- ein ´Rundum-Sorglospaket`.
Tja, dann am Sonntagmorgen wird es ernst: 10.00 Uhr Treffen mit Dr. Kai Pagenkopf und meinen Mitstreitern am ´Haus der Insel`. Sieben Kursteilnehmer sind wir und nach der kurzen Vorstellungsrunde fällt schon die erste Anspannung ab, alle sind nett und freundlich, und geduzt wird sich auch sofort. Wir bekommen die Möglichkeit, Ferngläser der Sponsorenfirma Swarovski auszuprobieren und dürfen mit diesen Hightec-Geräten in dieser Woche über die Insel ziehen und die Vögel beobachten. Und dann geht es auch schon ran an unsere `Zielgruppe`, bei allerschönstem Sonnenschein fahren wir auf unseren Rädern schön brav hinter Kai her und lassen an den Haltepunkten unsere verstärkten Blicke schweifen, zunächst über den Strand und das Meer, dann im Hafen und über Wiesen und Weiden. Geduldig und ausgestattet mit ungeheurem Fachwissen erklärt und benennt Kai die Vogelarten, die uns vor die Linsen kommen.
Abends, als ich erschöpft von so viel frischer Seeluft und neuem Wissen in meiner Unterkunft bin, kann ich 34 beobachtete Vogelarten in der Liste ankreuzen und habe schon eine Ahnung davon, was das Wattenmeer so besonders macht: hier trifft sich wirklich alles, was sich Zugvogel nennt und jetzt im Oktober vom hohen Norden unseres Globus in den heißen, sonnigen Süden will. Hier wird aufgetankt, gefressen und geruht, in großen Schwärmen, paarweise oder allein- je nach Art und Vorliebe.
An jedem Tag dieser ereignis- und lehrreichen Woche ziehen wir los, bei stürmischem Wind, bei Sonne und bedecktem Himmel, Nieselregen und Windstille. Wir lauschen den melodiösen Rufen des ´Großen Brachvogels`, dem langgezogenen ´Huuuuh` der Eiderenten, dem kurzen, lustigen Pfeifen der Wiesenpieper, dem rauhen Scheckern der Wachholderdrosseln und beobachten majestätisch über die Salzwiesen gaukelnde Kornweihen, streitlustige Rabenkrähen, die sich mit Bussarden und Wanderfalken anlegen und eine dicke Mantelmöwe, die sich über einen Seehundkadaver hermacht und und und....
Eine Fahrt auf Arvid Männickes Katamaran hinein in das abendliche Wattenmeer bringt uns ganz nahe an die Seehundbänke und einige neugierige Robben tauchen recht nah am Boot auf um uns näher in Augenschein zu nehmen. Auch hier wieder sehen wir tausende von Vögeln und als Arvid den Bootsmotor abstellt, hören wir ihren Abendgesang vor einer schon fast kitschig zu nennenden untergehenden glutroten Sonne.
Avid ist es auch, der uns durch den ´Supermarkt`der Vogelwelt, das Watt, führt. Er gräbt Wattwürmer aus, lässt Herzmuscheln ihren Grabefuß ausfahren, Sandkrabben vor unseren Augen im Schlick verschwinden und zeigt uns so, was für Möwe und Co so alles auf der Speisekarte steht.
Diese sinnlichen Eindrücke der herbstlichen Vogelwelt im Wattenmeer werden mit geballtem Fachwissen unterfüttert in abendlichen Vorträgen von Kai und Jan Weinbecker, dem Nationalparkwart von Langeoog. Wir erfahren, wie sich die Vögel auf ihre langen Flüge von den Brutgebieten in die Überwinterungsgebiete vorbereiten und die wichtige Rolle des Wattenmeeres als ´Tankstelle` und sehen Jans beeindruckende Fotos, die wirkliche Vogelpersönlichkeiten zeigen.
Bei einem ausgedehnten, köstlichen Abendessen erklärt uns der Leiter des Nationalparks Wattenmeer, Peter Südbeck, warum das Wattenmeer Weltnaturerbe geworden ist und wir diskutieren bis spät in den Abend.
Schließlich können wir am Freitagabend, dem letzten Beobachtungstag, 92 Kreuze auf unserer Vogelliste abzählen- ein stolzes Ergebnis. Viele dieser Vogelarten kannte ich bis dahin höchstens dem Namen nach, von einigen hatte ich noch nie gehört, z.B. der Spatelraubmöwe oder dem Steinwälzer. Die so schwer auseinander zu haltenden Enten- und Gänsearten wurden mir immer vertrauter und am Ende der Woche kann ich manche von ihnen schon ohne Hilfe unterscheiden.
Mit vielen unvergesslichen Eindrücken, enorm angewachsenem Wissen, Staunen vor den Wundern der Natur, interessanten neuen Bekanntschaften und dem dringenden Wunsch an den 4. Zugvogeltagen im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder teilzunehmen, besteige ich am Samstag die Fähre, die mich zum Festland zurückbringt und sage ´tschüs Langeoog`- nur eins habe ich in dieser Woche nicht geschafft: mal einfach so am Strand spazieren zu gehen und Vögel Vögel sein zu lassen.
Christiane Schilling- Schröder


